Nach zahlreichen Ortswechseln sowie Aus- und Weiterbildungen beginnt Frank Bernemann das Studium des Keramikdesign in Krefeld. Motiviert durch die seinerzeit dort noch stark künstlerische Ausrichtung des Faches erprobt er bis zu seinem Abschluss 2002 die plastischen Qualitäten des Materials Wachs, ein Werkstoff, der auch in seinem folgenden Werk von stilgebender Bedeutung ist. Dabei entfernt sich Bernemann gezielt von der reinen Objekthaftigkeit der Werke hin zu einer zweidimensionalen, eher bildmäßigen Arbeitsweise, die ihn anschließend, ab Ende 2006, zu reliefartigen Arbeiten aus Holz, Acrylfarben und Wachs führt. Bis heute bewegt sich der Künstler mit dieser Mischung rein faktisch an der Grenze beider Gattungen, wiewohl seine semiplastischen oder halb malerischen Werke auch inhaltlich als Grenzgänger zu verstehen sind. Frank Bernemann nutzt die Qualitäten von Schichthölzern, in die er verschiedene, auf Konturen reduzierte Motive von Menschen und Raumansichten fräst und mit dem Beitel aushebt. In einem weiteren Arbeitsgang wird die gesamte Bildfläche mit Acrylfarbe überzogen, wobei das Farbspektrum in der Regel auf eine bis maximal drei pastellige Farben begrenzt ist. Die nach der Fräsung tiefer gelegenen Holzschichten befreit Bernemann anschließend wieder von der Farbe, um sie danach mit einer semitransparenten Mischung aus Wachs und weißer Ölfarbe zu füllen. Gelegentlich bleiben dabei Bereiche absichtlich ohne Füllung, so dass die Farbe des hier sichtbar gebliebenen Holzes zum kompositorischen Bestandteil der Arbeit wird. Aus der Entfernung ähnelt das Werk in diesem Dreiklang von Farbe, Wachs und Holz beinah einer Intarsie, zumal alle drei Oberflächenstrukturen von unterschiedlicher, geradezu haptischer Anmutung sind. Unweigerlich zwingen die Bilder den Betrachter zur genauen Überprüfung, will er den technischen Aufbau ergründen. Zugunsten der Nahsicht verlieren sich dabei die vereinfachten Motive aus Flächen und Graten in restlos abstrakte Konstrukte, die einen abermaligen Standortwechsel fordern. Eindeutigkeit ist den Werken von Frank Bernemann folglich nicht gegeben. Sie animieren vielmehr dazu, den Blickwinkel kontinuierlich zu überprüfen, wobei dieses Spiel an die Komplexität des Bildaufbaus gekoppelt ist. Die früh begonnene Serie der „Trägerfrequenzen“ basiert in diesem Sinne bis heute auf dem irritierenden Eindruck von sich überlagernden Stromkabeln vor freiem Himmel. Die grafisch anmutenden Liniengeflechte der Strommasten und Kabel erscheinen durch das Wachs in diesen Arbeiten, konträr zu ihrer eigentlichen Materialität, sehr leicht und weich, wohingegen die eigentliche Immaterialität des Himmels zur neutralen, geradezu starren Fläche mutiert. Ab 2009 erweitert Bernemann mit der Arbeit „Bodypack“ das Spektrum der grafischen Motive um den Menschen, den er von nun an in einen Dialog mit dem Bildraum treten lässt. Besonderheit dieser Arbeiten ist das jeweilige Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Raum, das auf den ersten Blick an vertraute, dem Alltag entnommene Situationen erinnert. So zeigen die Arbeiten „Ich möchte alles sein“ und „Atmet tief auf“ in schräger Unteransicht je eine Frau auf einer Treppe innerhalb eines Gebäudes. Tatsächlich aber stammen verschiedene Elemente der Innenräume, wie das Graffiti an der linken Wand oder die geöffnete Tür, aus dem Außenraum und wurden in den neuen Kontext eingebunden. Nach und nach entstehen auf diese Weise komplexe Bildgeschichten, in denen ursprünglich unabhängige Einzelmotive zu mehr oder weniger stimmigen Szenen zusammenfinden. Bernemann arbeitet dabei mit eigenem Fotomaterial, das er erst am Computer nach kompositorischen Gesichtspunkten vereint und dann via Projektion auf den hölzernen Malgrund überträgt. So ist die Figurengruppe der am Straßenrand wartenden Personen in der Arbeit „We gotta get out of this place“ aus fünf einzelnen Szenen zusammengesetzt, die der Künstler während einer Busfahrt an verschiedenen Haltestellen fotografiert hat. In der Flughafenszene „Sie genoss das Gefühl von Freiheit, das sie empfand, weil sie sich ihres Gepäcks entledigt hat“ ist dagegen die ursprünglich dichte Menschenmasse auf eine einzelne Person reduziert worden. Vergleichbar hat Bernemann in dem Bild „Das führt nicht nur zum allseits beliebten das haben wir schon immer so gemacht, sondern macht es extrem schwierig, das Problem später endgültig aus der Welt zu schaffen“ aus dem bunten Treiben eines Trödelmarktes das Motiv einer einzelnen Frau losgelöst, und an selber Stelle zu anderer Zeit in die Ansicht des jetzt leeren Platzes montiert. Folge davon sind eigenwillig ruhige und dabei auch rätselhafte Arbeiten, die, nicht zuletzt durch ihre erzählerischen Titel, die Fantasie der Betrachter animieren. In dem zuletzt genannten Werk steht der als Textstück aus einem Buch entlehnte Titel tatsächlich in keinem inhaltlich relevanten Zusammenhang zum Bild, sondern trägt vielmehr dazu bei, die Ruhe und letztliche Glaubwürdigkeit der Arbeit absichtlich zu unterwandern. Auch andere Titel, wie „Dabei kam es gelegentlich vor, dass der Körper ihre Träger im langsamen Fortgang der Befragung zu einer Hütte führte“ oder „dieses flüstern in jeder wachen stunde“ sind bruchstückhafte Sequenzen aus der Literatur, die Bernemann im Nachhinein als absichtlich verunklärende Maßnahme seinen Arbeiten zufügt. Insbesondere die letztgenannte Arbeit erscheint dabei, auch ohne Titelgebung, als überaus rätselhafte Komposition, da nicht allein die Motive Frau und leerer Innenraum mit blauen Bodenflächen Fragen aufwerfen, sondern auch die perspektivischen Verzerrungen zwischen den einzelnen Komponenten eine eindeutige Inhaltsfindung unterwandern. Bernemann nimmt in späteren Arbeiten diese hier sehr offensichtliche Irritation wieder leicht zurück, um den Betrachter nachhaltiger gefangen zu halten. So zeigt das Bild „Safetly is the most dangerous of all conditions“ ein Mädchen, das ursprünglich an einem Kassenautomaten inmitten hektischen Treibens steht, nun losgelöst vom eigentlichen Umfeld neben einem Kiosk. Die Körperhaltung des in den rein praktischen Vorgang des Zahlens versunkenen Mädchens vermittelt in der neuen Situation größtmögliche Ruhe, die in der Vorstellung des Betrachters den Anfang einer neuen Geschichte ermöglicht. Es ist genau dieser Eindruck von Ruhe, wie er sich auch in den verwandten Arbeiten „Blinde Verständigung, im ich war niemals hier“ oder „Pleasure Station Droid“ überträgt, die die Arbeiten von Frank Bernemann auszeichnet. Nicht weniger still erscheint das Bild „Opiate zum Sonnenaufgang“, eine der seltenen Arbeiten, in dem vom Titel ausgehend die Szene aus Frau, Fensterfront, Deckenventilator und Lichtstrahler zu einer Geschichte montiert worden ist. Durch das Prinzip der Vereinzelung von Figuren aus komplexen Zusammenhängen in stark reduzierte räumliche Szenen generiert der Künstler Arbeiten, die ein Hinterfragen der jeweiligen Situationen forcieren. Insbesondere die neueren Werke signalisieren dabei in der sehr differenzierten Ausarbeitung der Figuren den ursprünglichen, informationsgeladenen Kontext, der, nun eingebunden in eine stark abstrahierte fremde Umgebung, zu einer Irritation der Wahrnehmung führt. Bernemanns Arbeiten können auf diese Weise als Metaphern für Zeit verstanden werden. Sie sind dabei keineswegs anklagend, sondern bieten vielmehr im Sinne der Entschleunigung der jeweiligen Emotionalität der Betrachter entsprechend ein Forum. Tatsächlich ist der Entstehungsprozess der Werke, unabhängig von der Findung und Komposition der Motive, auch rein praktisch ein äußerst zeitaufwändiger. Fräsen und Freilegung tieferer Holzschichten unter Berücksichtigung notwendiger Grate und Stege bedürfen einer akkuraten Arbeitsweise, wie auch das vorsichtige Abschaben überstehender Wachse im Sinne einer klaren Konturfindung zwischen Holz und dem plastischem Material. Dass dieses letztlich minimal reliefartig über die Holzfläche erhaben ist, trägt zur unterstützenden Wirkung seiner so wesentlichen Haptik bei. Vielleicht ist die intensive Auseinandersetzung mit Wachs auch heute noch, zehn Jahre nach Beendigung des Studiums, eine Reminiszenz des Künstlers an die seinerzeit entdeckten Möglichkeiten dieses Werkstoffes auf der Grenze zwischen Malerei und Bildhauerei. Unbestritten aber ist, dass das Wachs in der von Bernemann entwickelten so ungewohnten Kombination mit Holz und Acrylfarben als wesentliche Komponente zur Rätselhaftigkeit der Bilder beiträgt. Die Arbeiten von Frank Bernemann verleiten zur genauen Betrachtung sowie der Schulung der eigenen Fantasie. Durch die Montage unabhängiger Motive haben sie mitunter surreale Züge, die den Betrachter auf eine andere Ebene der Wahrnehmung begleiten. Dort angelangt, losgelöst von aller Rationalität, wissend von den rein faktischen Begebenheiten um Entstehungstechniken und Materialwahl, und dennoch frei, sind Bernemanns Arbeiten ruhig und beruhigend  zugleich.    


Dr.Christian Krausch